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KU-Seminar zur Matsumura Passai am 20. und 21. April 2024 in Großostheim
von Andreas Pangerl
Machen, was halt geht – dies könnte man als Motto über dieses Wochenende schreiben.
Geladen hatte Andi Seredin vom Dokan Main e.V. in Großostheim, das liegt bei Aschaffenburg, genau an der Grenze Hessen/Bayern.
Machen, was halt geht, das hatte ich mir trotz „Rücken“ vorgenommen. Ob ich mir immer noch doof vorkomme, wenn ich wegen Schmerzen raus muss, das habe ich mich gefragt. Die Antwort folgt.
Also zu Dirk gedüst und zusammen nach Großostheim gefahren. Dort treffen wir auf Olaf, unseren Sensei, und wen hat er dabei? Seinen Sohn – Premiere! Nicht als Seminarteilnehmer, sondern aus der reinen Not eines Betreuungsengpasses heraus, wie man so schön sagt. Wow, denke ich, Olaf macht auch das, was geht. Und so Mancher macht ebenfalls, was halt geht: Da hat noch einer Rücken, der andere hat „Fuß“. Und mit Sicherheit haben noch x andere Leute auch was und machen halt trotzdem… Also gut, los geht’s.
Erwärmung: Varianten von Ballspielen; Rollen und Fallen. Ich mach, was geht. Mein Partner Frank (aus dem Gastgeber-Dojo) ist fürsorglich und lässt mich hier und da etwas weniger powern – danke schön.
Seminarthema: Matsumura Passai. Eine schöne Kata.
Olaf erklärt uns, dass sie bis ins 18. Jahrhundert zurückgehen soll, ganz genau ließe sich das nicht mehr ermitteln. Von dem recht bekannten Matsumura Sokon sei sie über leider unbekannte Zwischenschritte an Richard Kim vermittelt worden – den Namen kennen wir doch!
Richard Kim ist auf einem der Bilder an unserem Shomen zu sehen. Neben ihm auf dem Bild der nächste Schüler, an den die Kata weitergegeben wurde: Patrick McCarthy Hanshi. Und von Hanshi hat Olaf sie gelernt. Wer die Kata also von Olaf lernt, kann daher beinahe (!) die ganze Linie bis zu Matsumura Sokon selbst zurückverfolgen.
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Angeberwissen von Wikipedia: Matsumura Sokon lebte – Genaues weiß man nicht – ca. 1800-1890 auf Okinawa und soll einer der bekanntesten Karate-Lehrer seiner Zeit gewesen sein. Er unterrichtete zum Beispiel auch Motobu Choki sowie Asato und Itosu Anko. Diese beiden gelten als die wichtigsten Lehrer des späteren Shotokan-Begründers Funakoshi Gichin, aber dies nur nebenbei. |
Zurück in die Athletenhalle Großostheim: Olaf zerlegt die Kata in schöne Häppchen. Wir lernen die Kata Schritt für Schritt – und parallel zur Kata einen Drill aus Partnerübungen. Die Herangehensweise ist das, was man „Bunkai“ nennt: Die Zerlegung und Interpretation einer alten Kata, quasi die Entschlüsselung der Techniken, die man in der Kata sieht. Alte Kata betrachtet man ja als Verschlüsselung von Partnerformen, die aber nicht überliefert sind. Also betreibt man Bunkai: Man überlegt, was die Kata bedeuten könnte. (Dies treibt weltweit sehr unterschiedliche Blüten. Hier sei z. B. auf Iain Abernethy verwiesen.)
Spannend: Patrick McCarthy Hanshi denkt Karate heute wieder so, wie es ursprünglich war:
Er hat Partnerübungen entwickelt, „Two-Person-Drills“, welche sozusagen den Kern bilden. Zu diesen Partnerdrills gibt es jeweils eine Form zum „Alleine-Üben“ – und was hat man dann? Kata!
Wir brauchen also bei McCarthy-Formen kein Bunkai zu betreiben (möglicherweise nicht haltbare Aussage eines Grüngurts 😉 – ganz so einfach ist es leider auch nicht oft).
Bei der Kata Matsumura Passai betreiben wir heute also Bunkai.
Und das tut Olaf ausgiebig: Zu verschiedenen Elementen der Kata zeigt er uns immer gleich mehrere Möglichkeiten, die sich ergeben, wenn man sich die Kata mit Partner vorstellt. Oftmals 4 oder sogar 5 Möglichkeiten, die wir üben sollen. Ich verstehe ein ungesagtes „die wir ALLE üben sollen“, und bin geistig schwer überfordert, weil ich sie mir einfach nicht alle merken kann. Olaf: „Wenn du dir fünf Technikalternativen nicht merken kannst, dann such dir was Schönes aus und übe halt nur das – Hauptsache, du übst.“ Und da ist es schon wieder: Machen, was halt geht. In meinem Mindset purzelt irgendwas an die richtige Stelle und ich werde etwas lockerer.
Abends: Ins russische Restaurant, weil der Andi Seredin da gute Connections hat. Mega lecker und mal was anderes; nette Runde von 24 Personen.
Danach Übernachtung in ordentlicher Unterkunft, leider schon mit ziemlichen Schmerzen.
Sonntag: Aufstehen, nochmal hineinfühlen und beschließen, dass Trainieren heute wirklich nicht geht.
In der Athletenhalle: Viel Empathie, „was nicht geht, geht nicht.“
Machen, was man halt kann: Fotos und Videos, auch für andere, damit man die Form nicht vergisst.
Dirk übt derweil mit Jungs aus Haßloch und seine Merkfähigkeit ist verblüffend! So haben wir tatsächlich eine komplette Videosequenz der Partnerform, die wir bei Bedarf hervorkramen können.
Zur Partnerform: Im Gegensatz zur Kata gefällt mir die Aneinanderreihung von Techniken nicht wirklich, es kommt hier nicht so ein rechter Flow zustande. Die Techniken sind zwar cool: Viel mit Würgen, es darf auch mal geworfen/gefallen werden, durchaus vielseitig und detailverliebt! Aber man stoppt immer wieder und fängt neu mit dem nächsten Teil an. Vielleicht Geschmackssache, meins ist es nicht. Man muss ja nicht jede Form super toll finden.
Jo. Was habe ich nun auf diesem Seminar gelernt? Machen, was halt geht! Sicherlich haben viele Karateka irgendwann Verletzungsphasen, vielleicht auch bleibende Handicaps, „Gelenk“ oder „Rücken“; fortschreitendes Alter macht es nicht leichter.
Auf den eigenen Fortschritt achten, das sollen wir doch immer! Dies kann eben auch heißen, mal halblang zu machen, damit man nicht komplett ausfällt, sondern vielleicht auf Sparflamme oder mit anderen Körperteilen doch weiter üben kann.
Ich hoffe, dass ich neben der echt schönen Kata genau das aus Großostheim mitgenommen habe.
Also, ihr Lieben, wenn es mal nicht so läuft: Macht das, was geht!
Für Interessierte mit Englischkenntnissen hier ein Video zum Thema Verletzungen:
Ando Mierzwa: How to Deal with Injuries in Martial Arts and Sports
https://youtu.be/2AeLm8PmnGA?si=JD9iD5TJad9u7I9j
Mehr von Ando:
Youtube: https://www.youtube.com/@AndoMierzwa
Podcast auf Spotify: https://open.spotify.com/show/0o749txjGxyem5DivJkUrR?si=ee6977e1b0b94b5f
